Das Privileg des Rückzugs

Gedanken über Gnade und Herausforderung, Bewusstmachung und Gefängnis oder eher Wahnsinn und Meditation.

Es sind ausgedehnte Augenblicke. Allesamt. So, als ob man in einen Tag hineingeworfen wird und gezwungen wird, jede Minute bewusst zu erleben. Das kann grauslig sein und schön zugleich. Ein ständiger Bewusstseinszwang treibt den einen in den Wahnsinn und den anderen in einen längst notwendigen Rückzug aus der großen Maskerade, die wir Alltag nennen. Wie verhält es sich jetzt also mit den Philosophien und Systemerscheinungen, mit den Theorien und ihrem Praxisbezug?

Das Für-Sich-Sein ist ein ambivalentes Spiel.
— Johannes Lampert

Mir ist das Wort "Gnade" in den letzten Wochen und Monaten öfter vor die Nase gelaufen, als mir lieb war. Welche Gnade es ist, hier sein zu dürfen und nicht zu müssen. Welche Gnade es ist, eine Zeit der verpflichtenden Isolierens als Wohltat empfinden zu können, während anderen im Eingesperrtsein die täglichen Aufgaben über den Kopf wachsen; weil der Spielraum kleiner wird, nicht größer; weil die gegenseitig Nähe in den eigenen vier Wänden zur Enge wird, nicht zur weiten Freude. Oder umgekehrt: Weil man das Alleinsein nicht teilen kann. Und: Welche Gnade es ist, mir die Hände dreckig machen zu können, ohne es zu müssen.

Aussichten auf die Zeit nach dem Lockdown

Ich hock da, gar nicht so isoliert, in einem großen alten Haus, mit der Notwendigkeit des Lebens. Mit einer grünen Bank vor der Haustüre und südseitig einer Ackerfläche mit Grundbirnen, wo ich mir, eben, die Hände dreckig machen darf. So ist mir die Isolation in dieser übergeschäftigen Welt und Zeit ebenso zur Gnade geworden; im Bewusstsein, dass ich mir dieser Gnade nicht bewusst sein darf, sondern bewusst sein muss. Das macht das Privileg des Rückzugs. Ich kämpfe mit einem schlechten Gewissen. Denen gegenüber, die gar keine Zeit haben, diese Wochen und Monate als meditative und philosophische Herausforderung sehen zu können. Was mach ich jetzt nur damit?

Das Licht dieser Zeit fällt in die Winkel unseres gemeinschaftlichen Lebens. Es fällt hinunter in die Abgründe des Alltags, dorthin, wo wir kaum hinschauen: Nicht politisch, kaum zwischenmenschlich oder sonstwoher. Der Bewusstseinszwang trifft also nicht nur den Menschen an sich, sondern - glücklicherweise - darüber hinaus das, was wir System nennen. Bleibt zu hoffen, dass eben dieses Licht aus den Winkeln und Abgründen nicht wieder verschwindet. Ich geh mal eben zu den Grundbirnen und mach mir die Hände dreckig.

 

Text: Johannes Lampert, Texter, Jugend- und Kulturarbeiter.
Fotos: Martin Schachenhofer

Zurück
Zurück

Land oder Stadt?

Weiter
Weiter

Was, wie und warum?