Was, wie und warum?
Anstöße aus dem Hier und Jetzt für weiterhin.
Es ist eine Zeit der Verlagerungen. Offensichtlich passiert dies im Kulturbereich: Alles findet online statt. Letztens veröffentlichte ein New Yorker Filmemacher sein Porträt über Dieter Rams, Designikone und jahrelanger Chefdesigner des Elektrogeräteherstellers Braun. Design soll pur und einfach sein. Weniger Design, aber besseres Design, so sein Credo. Rams fordert ein gründlicheres Nachdenken darüber, was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun. Weniger, aber besser: Etwas, das in manchen Bereichen gerade in der LandStadt Vorarlberg passiert.
Weniger. Aber besser.
Momentan ist deutlich weniger los auf den Straßen. In einer Umfrage des Kuratoriums für Verkehrssicherheit gaben die Befragten einen subjektiv eingeschätzten Verkehrsrückgang von 60% an und mehr als die Hälfte nannte den spürbar geringeren Verkehr als positivsten Effekt der Krise. Jetzt sind viele Menschen in der Natur unterwegs, Radwege und Ausflugsziele werden an diesen schönen Frühlingstagen gestürmt. Natürlich ist diese Verschiebung den Ausgangsbeschränkungen sowie dem gezwungenen Rückzug vom öffentlichen Raum ins Private geschuldet. Trotzdem: Weniger motorisierter Individualverkehr, aber bessere nachhaltige Mobilität, das könnte das neue „Normal“ werden.
Ein weiteres Phänomen ist der Ansturm auf die Biohöfe in Vorarlberg. Vor dem Frimahof in Ludesch bildet sich jeden Freitagnachmittag eine Auto- und Menschenschlange. Die Umsätze im Hofladen des Vetterhofs in Lustenau sind zu Beginn der Krise ähnlich hoch wie vor Feiertagen. Auch 60% der Dorfläden verzeichnen ein Umsatzplus von bis zu 35%. Vorhandene Ressourcen und Infrastrukturen im Dorf gewinnen an Bedeutung. Weniger Konsum, dafür besserer Konsum. Auf einmal geht’s. Viele Menschen haben Zeit für regionalen und biologischen Einkauf. Und ja, sie haben auch mehr Zeit für Online-Einkäufe.
Rams würde wohl anraten, die Zeit zum gründlichen Nach- und Umdenken zu nutzen.
Warum nicht auch weniger arbeiten, aber besser arbeiten? So manche stundenlange Sitzung wird durch eine zielgerichtete Videokonferenz ersetzt. Eine verkürzte Wochenarbeitszeit von 35 Stunden fordern die Pflegeberufe schon lange. Auch bei der Schaffung von Wohnraum könnte die neue Devise lauten: „Weniger bauen, aber besser bauen“. Das heißt weniger Bodenfläche versiegeln, aber nachhaltige Rohstoffe verwenden und neue Lösungen suchen.
Es bleibt spannend, wie sich die Lebensräume und -gewohnheiten in der LandStadt Vorarlberg längerfristig verlagern werden. Es wird in den kommenden Monaten ein neues Zusammenleben und -wirken sein wie zuvor. Rams würde wohl anraten, die Zeit zum gründlichen Nach- und Umdenken zu nutzen.
Text: Johanna Amann, Graphikerin und Beobachterin
Fotos: Martin Schachenhofer