Zugehörigkeit, Orientierung und Privilegien

Eine soziologische Annäherung über Anbindungen in der lokalräumlichen LandStadt Vorarlberg, die manche Herausforderungen in greifbare Thesen verpackt.

Bei einer genaueren Betrachtung von Vorarlberg sticht in meiner Forschung vor allem ein Phänomen heraus: Die zunehmende Diversität der Bevölkerung und die gleichzeitige Abnahme der sozialen Durchmischung. Diese fehlende Durchmischung wird auch als soziale Segregation bezeichnet und meint damit die ungleiche Verteilung der Bevölkerung in Teilbereichen der Gesellschaft, wie zum Beispiel im Bildungssystem oder in Wohngegenden. Bestimme Gruppen treten also in einem Teilbereich konzentrierter auf, während sie in anderen Bereichen unterrepräsentiert sind. Soziale Segregation ist dabei häufig eng mit sozialer Ungleichheit und dem Thema Integration verbunden.

Was heißt das konkret in Vorarlberg?
Menschen ziehen sich aufgrund ihres Bedürfnisses nach Zugehörigkeit und Orientierung in die eigene Gruppe zurück und grenzen sich von anderen Gruppen ab. Machtstarke Gruppen, wie die etablierten Einheimischen, verfügen dabei über mehr Ressourcen und versuchen den Zugang zu diesen gegenüber machtschwächeren Gruppen, wie zum Beispiel zugewanderten Außenseitern, zu verteidigen. (Elias/Scotson 1993, Burtscher 2009). Eine Durchmischung wird deshalb auch als Bedrohung ihres privilegierten Zugangs gesehen, eine Dynamik, die viel Konfliktpotenzial beinhaltet.

Beziehungsnetzwerke werden nur durch regionale Begegnungsorte möglich.
— Simon Burtscher-Mathis

Genauer betrachtet, werden in der LandStadt Vorarlberg folgende Phänomene sichtbar. Es kommt zu einer immer stärkeren Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die mit einer Pluralisierung von Lebenswelten verbunden ist. Sichtbar wird das beispielsweise in der Ausdifferenzierung von Freizeitangeboten und Ausbildungen. Diese Pluralisierung führt zu einer Konzentration von sozialen Gruppen in bestimmten sozialen Räumen und zu einem Bedeutungsverlust von lokalräumlichen Strukturen. Hohenemser oder Dornbirner zu sein ist nur mehr für alteingesessene Familien von Bedeutung, für neu Zugezogene, ist das im Alltag nicht mehr relevant. Sie wohnen und schlafen zwar in ihrem Wohnort, fühlen sich aber wenig bis gar nicht mit ihm verbunden. Diese fehlende lokale Verortung, sowie fehlende Begegnung und Durchmischung ist mit einer Zunahme von Konflikten, Abgrenzung von Gruppen und einem gegenseitigen Unverständnis im Alltag verbunden.

Diese Entwicklungen machen eines ganz deutlich, die LandStadt Vorarlberg braucht mehr Orte der Begegnung, die der sozialen Segregation entgegenwirken und eine Anbindung an lokalräumliche Beziehungsnetzwerke fördern.

 

Text und Foto: Simon Burtscher-Mathis

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