Was für ein Land.

»Schön ist es geworden. Mitte der 2020er Jahre hat die Bauwirtschaft kaum mehr neue Häuser errichtet. Die meisten Bauträger haben sich auf die Sanierung von Gebäuden spezialisiert. Das ist viel Arbeit. Darum arbeiten nicht weniger, sondern mehr Menschen in diesem Bereich. Für etwas weniger Lohn zwar, aber dafür sind die Kosten fürs Wohnen in Vorarlberg die niedrigsten in ganz Österreich. Der Leerstand ist verschwunden. Die alten Häuser sind wieder bewohnt. Die Mieten sind niedrig, das Vermieten aber ein schwieriges Geschäft geworden. Darum sind viele Häuser auf den Markt gekommen und zu erschwinglichen Preisen verkauft worden. Ein Land der Eigentümer und Eigentümerinnen halt, so kennt man Vorarlberg.

Viele der früher unbebauten Grundstücke in den Zentren unserer Gemeinden sind jetzt bebaut. Familien leben in Ein- und Mehrfamilienhäusern, ältere Menschen in barrierefreien Wohnungen, in denen sie Betreuung je nach ihren Wünschen in Anspruch nehmen können. Nicht alle Häuser wurden saniert. Gebäude in schlechtem Zustand und außerhalb unserer Siedlungen wurden abgerissen. Unsere Dörfer und Gemeinden beginnen einen klaren Rand zu den umgebenden Freiflächen zu bekommen.

Die Unternehmen sind dort zu finden, wo sie am besten hinpassen. Fabriken neben Einfamilienhäusern gibt es keine mehr. Leere Hallen und hektarweise schlecht genutzte Parkplätze und Lagerflächen für allerlei Stahlplatten, Schrott und Baumaterial sind heute gut genutzt, mehrstöckig überbaut. Entlang der Straßen in unseren Dörfern und Gemeinden sind die Erdgeschoss-Zonen mit Büros und Geschäftslokalen gut ausgelastet. Niemand muss mehr an der Landesstraße im Erdgeschoss wohnen.

Die Leute sind fleißig, engagiert in Vereinen, helfen sich gegenseitig und – vor allem – blicken optimistisch in die Zukunft. Ein wenig wie das Bilderbuchvorarlberg der 1950 und 60er Jahre. Dazu aber weltoffen, tolerant, mutig und wissbegierig.

Warum ist das so gekommen? Nach Außen sieht alles wie früher aus, nur besser.

Aber ein Blick ins Grundbuch zeigt, was eigentlich passiert ist. Jedes Grundstück in ganz Vorarlberg hat denselben Eigentümer. Dieser neue Eigentümer jeder einzelnen Grundparzelle in Vorarlberg ist die gemeinnützige Bürgerinnen- und Bürgerstiftung Vorarlberg.

Die Stiftung wurde Ende der 20er Jahre gegründet, gleich nach dem richtungsweisenden Entscheid aller Bürgerinnen und Bürger, dass mit dem Jahr 2080 kein privates Grundeigentum mehr in Vorarlberg möglich ist. Dass sämtliches Grundeigentum an die Vorarlberg-Stiftung übertragen wird. Eine Stiftung, die uns allen gehört.

Sie hat ihren Sitz in Bregenz. Da, wo früher der Landtagssaal war. Eine Zeit lang war dort eine Bank. In jeder unserer 96 Gemeinden gibt es einen Ansprechpartner, in einigen Gemeinden sitzen mehrere Leute. Das, was früher die Raumplanung war, wird heute von der Stiftung erledigt. Die Stiftung vergibt nämlich Nutzungsrechte an Grundstücken an Bürgerinnen und Bürger und Menschen, die hier leben. An Unternehmen und landwirtschaftliche Betriebe.

Wer früher ein Haus hatte, dem gehört das weiterhin. Wer es vermietet oder bewohnt – also eine Nutzung dafür hat, bekommt von der Stiftung auch ein Nutzungsrecht. Wer keinen Nutzen hat – weil das Haus leer ist, die Wohnung schlecht genutzt, wer eine Halle hat, aber keine Firma mehr darin arbeitet, der verliert das Nutzungsrecht. Der kann sein Haus dann an jemanden verkaufen, der eins braucht. Oder zu einem vernünftigen Preis an die Stiftung abtreten.

Wer Gemüse anbauen will, der bekommt ein passendes Nutzungsrecht. Bauern erhalten so viel Fläche, wie sie für ihre Bewirtschaftung brauchen. Wer nicht mehr Landwirtschaft betreibt, verliert das Nutzungsrecht. Das Land wird dann neu aufgeteilt und an aktive Landwirte verpachtet.

Die Gründungsphase war nicht einfach. Verständlicherweise waren die Eigentümer von Grund und Boden anfangs schockiert und überhaupt nicht bereit, ihre Grundstücke abzugeben. Die Grundidee, nachdem sie 2025 das erste Mal formuliert wurde, wurde verlacht, verunglimpft und mit allen Mitteln bekämpft.

Es war ein Vorschlag einer Gruppe von vorausschauenden Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, der dann den Ausschlag gab: Die Umsetzung der Idee sollte einfach 50 Jahre verzögert erfolgen. Alle Besicherungen von Krediten im Grundbuch wären bis dann getilgt, viele Eigentümerinnen und Eigentümer bereits nicht mehr am Leben. Die Phase bis dorthin wurde begleitet von intensivem Austausch mit allen Bürgerinnen und Bürgern in allen Gemeinden. Es wurde gestritten, Konzepte wurden erarbeitet, wieder verworfen, Studien gemacht, Veranstaltungen organisiert.

Die Bauern waren ein harter Brocken. Verständlich. Grund und Boden ist die Lebensgrundlage der Landwirtschaft. Wo kommen wir da hin, wenn jemand anders über diese Grundlage verfügt? Eine Gruppe von jungen Landwirten organisierten in der Landwirtschaftsschule Veranstaltungen und holten nach und nach ihren Berufsstand ab. Vor allem zeigten sie, dass schon damals mehr als 2/3 des gesamten landwirtschaftlichen Grundes eben nicht im Eigentum von Landwirten war. Und sie zeigten auf, wie die nichtlandwirtschaftlichen Eigentümer immer mehr spekulierten auf den Bau neuer Betriebsgebiete und Siedlungen, wie die Preise für landwirtschaftlichen Boden in die Höhe schnellten und sie selbst völlig an den Rand gedrängt wurden.

Entscheidend war dann, dass im großen Kreis vereinbart wurde, dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche Vorarlbergs nicht mehr kleiner werden wird.

Heute sind viele Bauern froh. Hofnachfolgen sind einfacher, ein „Hinaus zahlen“ von Geschwistern gibt es nicht mehr. Wer nicht mehr in der Landwirtschaft arbeitet, bekommt ein Nutzungsrecht einer Fläche für Wohnen oder Gewerbe.

Das war alles 2025. Da wurde die Entscheidung getroffen. Die Umsetzung aber 50 Jahre später vereinbart. Trotzdem zeigten sich die Folgen sofort. Wer noch Fläche hatte, brachte sie sofort auf den Markt, die Preise für Grund und Boden fielen auf einen Wert, der 1970 üblich war. Wer einen Leerstand hatte oder eine unbebaute Fläche mitten im Zentrum, errichtete Wohnraum, vermietete und verkaufte. Die Preise sanken auch hier, aber nur auf ein Niveau, wie wir es aus den 90er Jahren kannten. Eine Zeit, in der eine Familie aus dem Mittelstand sich eine Wohnung leisten konnte, ohne sich über beide Ohren zu verschulden.

Schön ist es geworden.«

 

 

Martin Strele

Obmann des Vereins Bodenfreiheit, der 2011 gegründet wurde und Flächen oder Rechte an Flächen erwirbt, um diese dauerhaft frei und zugänglich zu erhalten.

 

Weiter
Weiter

Labor für geteilte Verantwortung